Johannes Rau und die Bergische Universität

01.03.2022|10:00 Uhr

Ohne Johannes Rau würde es die Bergische Universität heute nicht geben. Ernst-Andreas Ziegler, ein wichtiger Zeitzeuge, schreibt in einem Gastbeitrag über die Gründungsphase der Wuppertaler Hochschule und die bedeutende Rolle des Politikers.

Ernst-Andreas Ziegler ist Initiator der Wuppertaler Junior-Uni, ehemaliger Redakteur der Westdeutschen Zeitung, jahrzehntelanger Presseteamleiter der Stadt Wuppertal und vormals Vertrauter von Johannes Rau. // Foto Anna Schwartz, Junior Uni

Wuppertal und das Bergische Land gehörten einst zu den deutschen Städten und Regionen, die weder eine Universität noch einen Bischofssitz oder eine Residenz von weltlichen Fürsten beherbergten. Als eine Ideenschmiede Europas erlangten sie aber dennoch wirtschaftlichen und politischen Einfuss für Jahrhunderte, über den eigenen Einzugsbereich hinaus. Alles, was die Bergischen erreicht haben, mussten sie sich mit Fleiß, Kreativität, Innovationen, unternehmerischem Mut und exzellenten Fachkenntnissen ausschließlich selbst erarbeiten – mit Produkten auf Weltniveau.

Ausruhen durften sich die Menschen im Tal der Wupper wie alle Bergischen nie. Mit bodenständigem Stehvermögen blieben sie nachhaltig neugierig, wissensdurstig und weltoffen. Diese nie nachlassende Suche nach immer neuen besten Ideen zur Gestaltung der Zukunft wurde zum idealen Nährboden für die Gründung der Bergischen Universität. Verbürgt sind Zitate, die Arbeiter- und Industriestadt Wuppertal sei intellektuell schon immer eine Universitätsstadt ohne Universität gewesen.

Das änderte sich erst mit Johannes Rau. Die seit Generationen schwelende Sehnsucht aller Bergischen, mit einer Universität die Bildungschancen ihrer jungen Menschen gerade aus fnanziell nicht begüterten Familien zu verbessern, brauchte jemanden, der auf der politischen Karriereleiter hoch aufstieg, diese Sehnsucht verinnerlicht hatte, geniale kommunikative Fähigkeiten besaß und genau in jenem Moment – Kopf und Kragen riskierend – am richtigen Platz zur richtigen Zeit die Entscheidung treffen konnte.

Johannes Rau (l.) und Ernst-Andreas Ziegler im Gespräch. // Foto Christian G. Irrgang

Der Bildungsweg des damaligen nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministers Johannes Rau hatte einen schmerzlichen Bruch: Sein Vater hatte ihn wegen geschwänzter Schularbeiten sofort vom Gymnasium abgemeldet und in eine Buchhändlerlehre gezwungen. So musste sich der Hochintelligente autodidaktisch zu einem umfassend belesenen Denker entwickeln. Er wurde für viele zuJOHANNES RAU einem Vorbild, das nichts vergaß; keinen Geburtstag, kein Gesicht, keinen Namen, keine Adresse. Körperlich nicht gerade sportversessen (diplomatisch formuliert), trainierte er geistessportlich bis zuletzt sein unglaubliches Gedächtnis.

Johannes Rau veränderte als Wissenschaftsminister die nordrhein-westfälische Bildungslandschaft. Arbeiterkinder sollten die gleichen Aufstiegschancen haben wie der Nachwuchs von Akademikern. Sein Programm, ursozialdemokratisch, war die Gründung von regional aufgestellten Gesamthochschulen. Eine davon sollte in Wuppertal entstehen. Doch genau diesem Standort verweigerte der damalige
NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn seine Zustimmung.

Doch Johannes Rau hatte vorgebaut, sich durch persönliche Gespräche die Zustimmung für Wuppertal bei der überwiegenden Mehrheit seiner SPD-Fraktion gesichert. Als er die Standorte der neuen Gesamthochschulen verkündete, fügte der Wissenschaftsminister Wuppertal hinzu. Dann fuhr er sofort zu Heinz Kühn. Er machte ihm klar, dass die Fraktion, von der auch der Ministerpräsident abhängig war, Wuppertal mittrug.

Mit der Faust in der Tasche hat Heinz Kühn diese für ihn überraschende Wendung akzeptiert. Doch er war nachtragend. Als er sich Jahre später zum Rücktritt entschloss, empfahl er als seinen Nachfolger nicht den Wissenschaftsminister, sondern seinen früheren Stellvertreter Minister Diether Posser. Doch auch in diesem Fall stimmte die SPD-Fraktion für Johannes Rau. Er wurde als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident zur Legende, regierte als Landesvater so lange wie kein anderer, wurde mit heute nicht mehr denkbaren Wahlergebnissen immer wieder bestätigt.

Johannes Rau ist der Gründungsvater der Bergischen Universität. // Foto Kurt Keil

Johannes Rau, der später als Bundespräsident weltweit als bedeutender Staatsmann Anerkennung fand, war politisch sowohl Versöhner als auch Machtmensch. Er traf sich umgehend im Wuppertaler Rathaus mit den wichtigsten kommunalen Entscheidungsträgern, und zwar parteiübergreifend. Seine Botschaft war knallhart: „Was ich tun konnte, habe ich getan. Jetzt seid ihr dran. Ich erwarte und verlange, dass Rat und Verwaltung alles nur Erdenkliche tun, damit Wuppertal schnell und verantwortungsvoll Universitätsstadt wird. Und zwar ohne Wenn und Aber.“

So ist es gekommen. Die Gründung der Bergischen Universität war die Entscheidung eines mutigen Einzelnen. Ihre grandiose Entwicklung wurde zu einem Gesamtwerk und einem Prozess, getragen von vielen. Die Zahl der Studierenden hat sich gegenüber der Startphase gut versechsfacht, die Reputation der Bergischen Uni hat bundesweite Akzeptanz, viele ihrer Lehrenden stehen für die Spitze ihrer Fächer. Der seit vierzehn Jahren amtierende Rektor Lambert T. Koch beriet die Bundesregierung, ist Vorsitzen- der der NRW-Rektorenkonferenz und wurde von der Mehrheit der Hochschulangehörigen vier Mal für ganz Deutschland zum „Rektor des Jahres“ gewählt, zuletzt sogar zum „Rektor des Jahrzehnts“. Er wird von den bedeutendsten Universitäten der Welt zu Vorträgen eingeladen.

Wie traurig, dass Johannes Raus früh verstorbener Vater den Aufstieg seines Sohnes und seine politische Großtat zur Gründung der Bergischen Universität nicht erleben durfte. Der Vater hätte verstanden, dass die politische Gestaltungskraft seines Sohnes, gerade Bildungsbenachteiligten einen Zugang zu universitärer Bildung zu ermöglichen, auch damit zu tun hatte, dass der junge Johannes keine zweite Chance auf das Abitur und zum Studium bekommen hatte.

Bei allem Respekt vor großen bergischen Persönlichkeiten wie Friedrich Engels, Friedrich Bayer, Else Lasker-Schüler oder dem Solinger Walter Scheel – am meisten und nachhaltigsten hat Johannes Rau mit der Gründung der Bergischen Universität für Stadt und Region gewirkt. Verneigen wir uns zum Jubiläum der Bergischen Universität vor ihm!

Dieser Beitrag ist dem Magazin zum Jubiläum der Bergischen Universität entnommen (S. 18/19). Die gesamte Ausgabe finden Sie hier.


Weitere Infos über #UniWuppertal: